| Rena |
| Als wir im Januar 2006 Kontakt mit GPI aufnahmen, um uns als Not-Pflegestelle zu bewerben, ahnten wir nicht, was sich durch diese Entscheidung alles für uns verändern würde. Wir hatten im September 2005 unseren 16-jährigen Mischlingsrüden Buck einschläfern lassen müssen und die Lücke, die er hinterließ war riesig. Ich hatte ihn mit sieben Wochen bekommen und er war mir immer ein toller Freund und Begleiter gewesen, wenn auch manchmal auf recht schrullige Art! Peter und ich vermissten ihn sehr. Auch unsere beiden anderen Hunde, Kira (Bucks Partnerin) und Ike (Bucks und Kiras Sohn) waren ungewöhnlich still. Aber wir wollten die Lücke nicht nur des Füllens wegen füllen und entschieden uns deshalb, zunächst einem Hund aus Spanien als Pflegehund eine Chance zu geben. Ein Galgofreund war ich schon lange, aber bisher hatten die Rahmenbedingungen einfach nicht gestimmt. Jetzt schon und deshalb war es für uns keine Frage - es sollte ein Galgo sein. Nach einigen "Irrfahrten" durchs Internet und einem Kontakt "zum Abgewöhnen" landete ich schließlich durch den Tipp einer Freundin bei GPI. Nach einem langen und sehr netten Telefonat mit Rosi Faßbender vereinbarten wir einen Termin, bei dem Rosi Faßbender, Nina Jordan und ich uns kennen lernen sollten. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und ich wurde gleich von einer Menge Galgos umzingelt und mit Beschlag belegt. An diesem Samstagnachmittag erreichten zwei Hundemädchen aus Malaga den rettenden Hafen in Willich. Avisiert und geschickt fotografiert als Galgos, entpuppten die beiden sich als etwas über 50 cm große, aber trotzdem sehr hübsche Galgo - Mischlings - Damen, Verena und Selena - Mutter und Tochter. Die beiden waren sehr verschüchtert und zitterten sich im Hundezimmer in den wohlverdienten Schlaf. Nina, Rosi und ich vereinbarten, dass man vor dem nächsten Transport auf mich zukommen würde und so fuhr ich an diesem Tag sehr zufrieden, glücklich und aufgeregt nach Hause. Ein Galgo würde bald bei uns einziehen, und wir würden ein tolles Zuhause für ihn oder sie finden. Schon am folgenden Mittwoch kam ein Anruf aus Willich. Die beiden Mädels, die am Samstag angekommen waren, mussten getrennt werden. Sie waren beide sehr ängstlich und bestärkten sich immer wieder gegenseitig in ihrer Angst. Bedingt durch meine Erfahrung mit verhaltensauffälligen Hunden sollte eins der Mädels bei uns auf das neue Leben vorbereitet werden. Also fuhren wir am gleichen Abend nach Willich und holten Verena nach Kempen. ![]() Was jetzt folgte, hatten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorgestellt: Rena war panisch. Einerseits wollte sie den Anschluss an die Menschen nicht verlieren, war aber andererseits nicht in der Lage, mit einem Menschen einen Raum zu betreten, den sie nicht überblicken konnte, also z.B. unbeleuchtete Räume, enge Räume, alle Räume, die ihr keine Fluchtmöglichkeit ließen oder die keinen ausreichenden Abstand zum Menschen zuließen. Glücklicherweise wohnen wir "janz weit drusse" auf dem Land. So endete jedes Gassi gehen erst einmal damit, dass Rena noch mindestens eine halbe Stunde vor der weit geöffneten Haustür im eingezäunten Vorgarten stand, bis sie sich durch den Hausflur traute, während wir drinnen - scheinbar unbeteiligt - unseren häuslichen Tätigkeiten nachgingen. Wohlgemerkt, es war Winter und bald liefen wir auch im Haus nur noch mit dicken Pullovern herum. Sie brauchte übrigens fünf Monate, um diese Angst zu überwinden. Aber auch heute noch holt sie Rena manchmal ein. Rena kauerte auch in "Ruhestellung" immer auf ihren vier Beinen, um schnell hochzukommen, falls eine Katastrophe über sie hereinbrechen sollte. Zum Entspannen fehlten ihr Vertrauen und Mut. Nur bei unseren beiden Hunden suchte sie Schutz und fand etwas Ruhe. ![]() Schnelle Bewegungen veranlassten sie dazu, blindlings die Flucht zu ergreifen und es war ihr dabei völlig egal, ob geschlossene Türen im Weg waren oder nicht. Dann rannte sie eben mehrfach davor. Irgendwann würden sie schon nachgeben. Auch nach Wochen löste jedes unbekannte Geräusch, jede ungewohnte Bewegung diese Panikattacken aus und manchmal - wenn sie einen schlimmen Tag hat - auch heute noch. Einmal fand ich sie nach einer solchen Attacke, den Kopf tief in einem Wäschekorb vergraben und wie Espenlaub zitternd. Ein anderes Mal erschrak sie sich draußen wegen einer runtergelassenen Jalousie so sehr, dass sie sich durch die Stäbe unseres Tores quetschte (normal passt das gar nicht und sie hätte sich die Rippen brechen müssen), nur um dann draußen vor dem Tor festzustellen, dass die Welt dort noch viel Furcht erregender ist. Ich glaube, es verging während dieser Zeit kaum eine Woche, in der wir nicht die Zäune erhöhten, die Gitterstäbe der Tore verengten, die Räume sicherer gestalteten, Rückzugsmöglichkeiten für Rena schafften etc. Es waren schlimme Wochen für uns alle, aber ganz besonders für Rena. Der Umstand, dass sie sich draußen wesentlich vertrauensvoller auf die Menschen einlässt, legt den Schluss nahe, dass sie ihre schlechtesten Erfahrungen sicher nicht auf der Straße gesammelt hat.
Anja Arend und Peter Kollers
Kempen, den 2. Oktober 2006 |